Feridun Zaimoglu schreibt an den Dichter Thomas Kunst

Die Zeit, 22.September 2016

Lieber Thomas Kunst,

großer Freund, großer Dichter ! Bestie in der west-östlichen Leere! Ich kann berichten: Wir, das sind neunundfünfzig Frauen und Männer im Wartesaal des Bürgeramtes in der Kieler Saarbrückenstraße. Wir starren auf das Nummernlos in unserer Hand, wir starren hoch zum Bildschirm in genickknackender Höhe, und wir erkennen, daß wir noch werden lange warten müssen.

Ich habe die Zahl zweihundertachtunddreißig, der Mann in der Sitzschale neben mir hat die Zahl dreihundertsiebzig gezogen. Mir wird übel von den Zahlen. Der Mann ist Türke, ein feiner Herr, er sagt: „Was gäbe ich nicht für einen Rückenkratzer!“ Er fragt: „Das sind vergeudete Stunden, meinen Sie nicht auch?“ Wir dämmern, wir brüten, wir grübeln über unsere lässlichen Sünden. Der Kleinmut bringt uns um. Sind wir schon verdorben, oder warten wir auf die Verderbung…? Was brauchen die neunundfünfzig Frauen und Männer in dieser Stunde, da sie die benötigten Dokumente und Nummernlose nass schwitzen? Sie brauchen deine Gedichtbände!

Sie können einen Band blind aufschlagen und die aufscheinende Zeile lesen, und sie würden sofort erkennen: Hier habe ich es nicht mit einem tagesberühmten Lyrikkarnickel zu tun. Hier will mich kein Lit.-Wiss.-Wiesel mit seinem Abschluss beeindrucken. Hier lese ich Vernarrtheit und Brausen, Glut und Schwermut – kein einziger Vers trügt und täuscht…Ich erzähle davon dem feinen türkischen Mann, der sich nach meinen Worten in der Sitzschale aufrichtet. Er ruft: „Der besagte Dichte müsste uns hier und jetzt seine Poeme vorlesen, was gäbe das für eine herrliche Erhebung! Er würde die Dame am Empfangstresen beeindrucken und aber auch die Damen und Herren Sachbearbeiter im Saal hinter der pneumatischen Tür. Ich würde ihm mein armseliges Jackett auf die Schultern legen. Du, mein Sohn, hieltest dich bereit mit einem Glas wohltemperierten Wassers, wir würden aber auch als Leibgarde dienen können. Wir schützen ihn gegen die anbrandenden studierten Barbaren, die bestimmt versuchen würden, ihm die Blätter aus der Hand zu reißen…“ Der feine Mann bekommt Glanz in den Augen, die Müdigkeit ist vergessen, er strahlt, eine kleine Sensation im Wartesaal des Bürgeramts. Das hast du, großer Dichter, mit deinen Versen bewirkt, ich wollte es dir unbedingt berichten. Wir glänzen. Danke.

Dein Feridun