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Strandkörbe ohne Venedig

Besprechung von Michael Hametner auf MDR Figaro, 2010

Klangschleifen aus Musik und Prosa

Thomas Kunst beschreibt mit unorthodoxem Formwillen ein schwebendes Spiel aus Liebe und Sehnsucht

Er wechselt zwischen Prosa und Gedicht, seine Bücher erscheinen mal hier, mal dort – Thomas Kunst. Der Leipziger Plöttner Verlag hat das neueste Prosa-Buch von Kunst herausgebracht: „Strandkörbe ohne Venedig“. Der 1965 in Stralsund geborene Schriftsteller lebt seit mehr als zwanzig Jahren in Leipzig. Seine literarischen Werke sind stark musikalisch inspiriert, Kunst selbst ist auch staunenswerter Musiker, vor allem als Gitarrist. Dem Buch ist deshalb eine CD mit 13 eigenen Stücken beigelegt, die der Autor als Sound-Track zum Roman verstanden wissen will.

Michael Hametner stellt ihn zusammen mit der Musik vor.

TRACK 2: Die Musik mit ihren Akkorden, die sehnsüchtig klingen, als wären sie ausgeschickt, um Menschen oder Hunde in das Haus der Einsamkeit zu locken, trifft genau den Ton der Prosa. Ja, sie erweitert die erzählte Geschichte zu einer ganzen Welt und macht sie hörbar: beispielsweise als das unendliche und ereignislose An- und Ablaufen des Meeres, als den unendlichen Wechsel von Wolken und Licht. Dort, in einem norddeutschen Küstenort, spielt der Roman in Levenhaug. Wenn Kunst auch noch die Mundharmonika einsetzt, dann hört der Leser Bengt Claasens Sehnsucht nach Lisa, die Frau, die jeden Sonnabend aus der Stadt anreist, eine Nacht bleibt und ihre Großmutter besucht.

Claasen lebt dort, wo das Land ans Meer stößt. Er ist Außenlektor für einen kleinen Belletristik-Verlag. Täglich bis 17 Uhr sitzt er am Schreibtisch und bewertet für seinen Verleger fremde Manuskripte. Lisa Botabi läuft über die Dünen ans Meer.

Claasen beobachtet sie durchs Fernglas, wie sie ihre Fingernägel abbeißt. Er sammelt die Finger die Fingernägel der Frau. Neben seinem Computer steht ein Glas damit, das sich langsam füllt.

TRACK 3: Claasen lebt mit Silje und ihrem Hund Wackliger Wolf zusammen. Nicht immer, denn beide haben eine Wohnung für sich. Mit Silje und Wackliger Wolf war er für ein Jahr in Rom. Sie als Lehrerin, er als Hausmeister.

TRACK 4: Jetzt sind sie wieder in Levenhaug: Claasen lebt gelegentlich bei Silje und dem Hund Wackliger Wolf, und er lebt mit seiner Sehnsucht nach Lisa und bewertet fremde Manuskripte. Wenn er seinen Schreibtisch schließt, den Laptop ausschließt, trinkt Claasen. Er trinkt immer häufiger: Wein, Martini, Gin, was im Haus ist. Nachts ruft Claasen wildfremde Frauen an, spielt ihnen Musik vor und fordert sie auf, dieser Musik zuzuhören, weil gleich die „schöne Stelle“ komme.

TRACK 7: Eines Tages bekommt Claasen von seinem Verleger eine Diskette mit Gedichten von Yda Scholbing – darunter auch die Verse von „Strandkörbe ohne Venedig“. Der Lektor ist begeistert. Und diese Yda Scholbing soll in seiner Nachbarschaft wohnen.

Der Mann ist sehnsüchtig bis zum Abwinken, macht sich auf die Suche nach der Dichterin und findet sie unter der Adresse seiner Silje als deren neuer Freund. Jetzt kann Claasen seinen Verleger vor den Gesichtern nur noch warnen. Doch als er aus dem Internat erfährt, dass Yda Scholbing gerade einen Literaturpreis erhalten hat, den sie zwar nicht selbst entgegennahm, aber immerhin: einen ziemlich angesehenen Literaturpreis, stiehlt der Lektor seinen eigenen Brief aus dem Briefkasten, dreht alle Argumente ins Gegenteil und besinnt sich auf Zustimmung:

„ …Erstaunlich, mit welcher poetischen Beharrlichkeit sie alle erdenklichen Szenarien der Liebe einkreist und darin Strukturen entdeckt, die so vorher noch nicht formuliert worden sind. Yda Scholbing ist ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Debüt gelungen. Nach einem solchen fulminanten Satz wie „Wenn meine Generation ihre Sicherheit und ihren Besitz vernachlässigen und nur noch ihre Musik bei sich behalten würde, wäre sie auf Anhieb eine politische Klasse“ würde man bei ihren Altersgefährten wohl vergeblich suchen …“

Bengt Claasen, Lisa Botabi, Silje, die Unbekannte vor der Tierhandlung in Rom, deren Bewegungen er nachahmt, bis er ihr auffällt; die Frau im Kino, der er mit seinem, in den Farben ihrer Kleidung garnumwickelten Daumen ein Puppentheater vorführt und Yda Scholbing, die vermutlich ein Mann ist – das sind Protagonisten eines schwebenden Spiels aus Liebe, Sehnsucht, Meer, Dünen und einem krebskranken Hund – erzählt mit Musik und Literatur.

TRACK 10: Und die Literatur von Kunst ist eine einzigartige und eigenwillige Beschwörung der Sehnsucht nach beständiger Liebe – eine Romanresignation voller suggestiver Schönheit. Schon wegen der Genauigkeit des Sprechens ist seine Prosa frei von Sentimentalität, dafür mit Witz und - weil manchmal der Autor aus Claasens Augen schaut – mit Selbstironie.

TRACK 11: Die Prosa baut sich auf wie die Musik: aus Wiederholungen einzelner Klänge. Immer wieder werden Grundtatsachen des Erzählens wie Klangschleifen ausgelegt. Vor allem eine: Die Welt des Bengt Claasen ist einfach und überschaubar.

Genau das ist sie nicht: Sie ist das gnadenlose Scheitern einer romantischen Liebessehnsucht. Intensiver, als Kunst es hier vermag, kann man es wohl nicht erzählen. Mit den Klängen seiner Worte und seiner Musik wird daraus die Welt, die auch uns ihre Wunden zufügt. Diese Welt hat der Autor nachgebaut als einen, übrigens exakt vermessenen und kein bisschen künstlichen Schauplatz: als einen Ort, wo Meer und Land sich berühren.

Schade, dass für solchen feinsinnigen, nicht experimentellen, sondern unorthodoxen Formwillen auf dem von Hochfeuilleton kontrollierten Literaturmarkt kein Platz ist. Schön, dass sich Schriftsteller und Verleger getraut haben, dem zu widersprechen.

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