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Estemaga

Muß die Wahrheit seltsam klingen?

Über den Sonett-Zyklus „Estemaga“ von Thomas Kunst

Mit Feridun Zaimoglu hat einer der nach Umfragen beliebtesten Schriftsteller Deutschlands vor anderthalb Jahren in der FAZ auf die dichterische Ausnahmeerscheinung Thomas Kunst hingewiesen. Nach einer gemeinsam durchzechten Nacht in der Villa Massimo in Rom liest sich Zaimoglu in einem Gedichtband fest, den Kunst ihm als Erinnerung soeben vermacht hatte und kommt so in den Genuß durchweg authentischer Schreibe, direkt aus dem Leben – der Nicht-Lyriker Zaimoglu ist beeindruckt und so titelt er seinen Aufsatz „Nieder mit den blassen Quallen der Poesie -….Warum die Welt den großen Dichter Thomas Kunst endlich kennenlernen muß!“ Viel hat es nicht genutzt, denn dieser ist  ein weiterhin kaum beachteter Dichter geblieben. Vielleicht weil er, wie Zaimoglu schreibt, „ein pathetisches und sehr melancholisches Verhältnis zum Leben hat“ - eigentlich die besten Voraussetzungen, um mit seinen Versen unsterblich zu werden.

Mit denen ist Thomas Kunst nun bis nach Südschweden geflüchtet ist, in einen kleinen Verlag, der eigentlich auf Übersetzungen anglophoner Literatur ins Deutsche spezialisiert ist, in die Edition Rugerup, ansässig in und benannt nach einem kleinen Weiler mit fünf Höfen und zwei Häusern unweit des Dorfs Önneköp. Dort haben Verleger Stefan Borg und seine Frau, die Übersetzerin Margitt Lehbert, die Werkstatt ihres alten Bauernhofes umgebaut zu einem Bücherlager, in dem wunderbare Lyrikbände, bspw. zweisprachige Ausgaben von Les Murray, Don Coles, Robin Fulton und Gabriel Rosenstock auf Bestellungen und Kenntnisnahme warten. Während jeder Lyrikkenner angesichts dieser Namen mit der Zunge schnalzt, befand man bei Wikipedia die Edition Rugerup für einen Eintrag zu unbedeutend, und kickte sie von ihren Seiten. Margitt Lehbert ist der Lyrik seit Mitte der achtziger Jahre verbunden – bekannter als Übersetzerin wurde sie, seitdem sie für Michael Krüger das erste Mal Les Murray übertrug, für dessen Gedichte sie bis heute eine Vorliebe hat.

Mag sein, daß die ländliche Abgeschiedenheit mancherlei Vorteile bringt – für den Vertrieb von Lyrik ist der Standort denkbar ungeeignet. Die schwedische Post hat vor Jahren die günstigen Tarife für Büchersendungen ersatzlos gestrichen und so kostet der Versand eines Buches ungefähr das Zehnfache dessen, was man in Deutschland berechnet. Die Not macht findig – ein Bäcker aus Deutschland, der den Markt in der nahen Kreisstadt Hörby bestückt, half mit – er nahm die freigemachten Umschläge mit zurück nach Deutschland und warf sie in Rügen ein. Deutsche Verlagsauslieferungen, die helfen könnten Lieferprobleme zu beseitigen, fanden es lange Zeit nicht nötig auf Anschreiben von Frau Lehbert zu reagieren. Seit neuestem liefert Bugrim in Berlin aus und auch amazon, das lange nicht reagierte, listet die Bücher ihrer Edition mittlerweile.

In diesem kleinen Verlag also ist der neueste Band von Thomas Kunst erschienen. Er heißt „Estemaga“ und beinhaltet ausschließlich Sonette. „Klinggedichte“, wie man sie vor Jahrhunderten auch mal nannte und sich dabei an die Wortwurzel „sonus“ (Klang) anlehnte.
Man muß wissen, daß Kunst auch Musiker ist, spielt neben Gitarre auch Bratsche und Mundharmonika und mancherlei mehr – das Sonett scheint ihm zu liegen. „Aus einer Not und Müdigkeit heraus, keine anderen Gedichte mehr schreiben zu können, ließ ich mich auf diese strenge und oft sehr eintönige Fortbewegungsart in Texten ein.“, schreibt er in den Anmerkungen. Es gibt eine eigene Interpretation der Melodie, die sich aus der Versgestaltung ergibt, ganze versfüllende Sätze wechseln sich mit durch kuriose Zeilenbrüche zerhackten. Eine feine, immer anwesende Ironie bindet den Ton. So schreibt einer, der das andere nicht mehr können will. Die strenge Form gestattet ein genau begrenztes Spiel, die Fragen des Gedichtes ordnen sich, für artfremden Wildwuchs ist kaum Platz, bestenfalls für eine kleine komische Einlage, Humor, den der Reim ermöglicht. Es gibt kleine „Zeichnungen des Glücks“, wie ein Kapitel heißt, aber auch tatsächlich viel Melancholie, auch Zorn, besonders wenn es um die deutsche Gedichtlandschaft geht, auf die sich Thomas Kunst Seitenhiebe nicht ersparen kann. Es ist ein trotziges Buch, obgleich es keine Parolen schwingt, sondern aus dem Leben erzählt. Dieses Leben, so scheint es, will mehr und hat noch nicht genug, will lebendig sein und das Lebendige feiern, und während es hier in Sonette gezwängt wird, und darin anstößt und zappelt und wackelt und die Verse ausbeult, dreht uns Kunst eine Nase. Insgeheim weiß er genau, es ist nur eine vorübergehende Lösung. Die er vorübergehend geliebt hat. „Berührungen sind Trümmer, kein Besitz.“ schreibt er.

ICH WERDE DICH NACHHER ERSCHIESSEN, WIEDER
Hast du mit einem Apfel deine Zeit
Verbracht, in meiner Küche: nur zu zweit.
Es knackte, spritzte, löschte alles nieder

Was paar Minuten vorher noch Gesang
Und Rotlicht war: Bezirke ohne Alter.
Warum ging ich jetzt nicht, verrückt, in kalter
Vertrautheit mit mir selbst am Meer entlang,

Ins Wasser rein, ins Wasser raus, die Schuhe
Verloren auf der Reise ihr Vertrauen
In meine Gegenwart und in mein Glück;

Sie waren Fische ohne jede Ruhe
Und wollten nur auf meine Schritte bauen:
Wer so das Meer betritt, will nicht zurück.

Die Einordnung fällt schwer. Thomas Kunst war mir unbekannt – auf seiner website ist als mp3 eine klare An- und Absage an den Literaturbetrieb zu hören und in dem hochinteressanten Essay, der im Anhang von „Estemaga“ zu finden ist, bezieht er ausnehmend klar Stellung: “Die Zeit der Autodidakten ist ein für alle Mal vorbei. Die Geschichte des Schwafelns hat längst begonnen.“  -
Der literarische Betrieb, das war für mich bislang: ein Gedicht schreiben oder ein Gedicht lesen, oder über beides schreiben. Alles andere gehörte nicht hierher, war Unfug und wesensfremdes Gebiet. Aber es scheint tatsächlich dieses andere zu geben: Cliquen, neidische Beäugungen, Buhlen um Rang und Anerkennung, den Demutsschrei des Lyrikers, wie das Gerhard Falkner einmal beschrieben hat, der wie der Namenspate aus der Tierwelt (im Sozialwesen der Ratten) unhörbar ist, aber dennoch vorhanden. Thomas Kunst stellt sich quer.
Thomas Kunst stellt seine Gedichte quer. Das ist selbst durch die vermeintliche Formstrenge des Sonetts hindurch zu spüren, aus dem seine Geschichten quellen, wie Kleider aus zu vollen Schubladen. „ Ich lauschte seinen Worten, er sprach die Wahrheit, so seltsam das auch klingen mag.“, schrieb Feridun Zaimoglu.

Frank Milautzcki, www.fixpoetry.com