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Gedichte wie Gäste

Formenstrenge als Selbstverpflichtung: Der Lyriker Thomas Kunst hat einen Band mit Sonetten vorgelegt, in denen er traumhaft sichere Beherrschung des Handwerks mit kompromisslosem Ausdruckswillen verbindet.

25. März 2009 „In Deutschland gibt es keine Dichter mehr“ – so apodiktisch hebt eines der neuen Gedichte von Thomas Kunst an. Es ist Wolfgang Hilbig gewidmet und betrauert mit dem 2007 gestorbenen Kollegen und Seelenverwandten auch den Verlust an existentieller Unbedingtheit und Ausdruckswillen in der zeitgenössischen Poesie.

Thomas Kunst, geboren 1965 in Stralsund, gehört zu jener Generation von sprachgewaltigen ostdeutschen Dichtern, die in den Neunzigern kurz für Furore sorgten, dann aber in Vergessenheit gerieten und beim aktuellen Lyrikrevival im Schatten von Jüngeren stehen. 1998 hatte Kunst mit „Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd“ einen der tollsten Gedichtbände jener Jahre vorgelegt (nun zum Glück in der Lyrikedition 2000 wiederveröffentlicht).

 

Strenge Form als Halt

Sein neuer Band enthält ausschließlich Sonette, deren Gesetzesstrenge sich der Dichter zum Halt in einer Krise wählte, wie er im Nachwort schreibt. Verblüffend, wie sehr sich auch im ungewohnten Korsett aus Rhythmus und Reimpflicht sofort sein unverwechselbarer Ton einstellt, als sei das Sonett für diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und (vermeintlicher) Schnoddrigkeit eigens geschaffen worden: „Es ist ein Fest mit Schultern an den Wänden“ – leicht irritierend und doch ganz simpel beobachtet sind Kunsts Verse.

Verletzungen und Verbitterungen, reale und imaginäre Fluchten, sind ihre Themen, Süchte auch und Sehnsüchte, nach einer kompromisslosen und unverkopften Literatur etwa, nach Gedichten „die als Gäste taugen“, die sich nicht zu schade sind, „Drecksarbeit“ zu leisten, wofür neben Hilbig Brasch und Born als Paten angerufen werden.

Verzicht auf totale Kontrolle

Thomas Kunst beherrscht sein Handwerk buchstäblich im Schlaf, doch viel wichtiger noch: Er weiß, dass das Gelingen eines Gedichts gerade den Verzicht auf völlige Selbstkontrolle verlangt: „Wo bleiben Wahnsinn und Verrücktheit, geile / Gesänge aus den Überlebensbüchern. / Ich will Gedichte, die ich bei mir trage, / Nicht kalkulierte Satzmodelle, Zeile / für Zeile doch schon längst in trockenen Tüchern.“ Mein Lieblingsreim in diesem Band übrigens nietet „inzwischen“ auf „Joy Division“. Eine Wahrheit-oder-Pflicht-Lektüre.

Richard Kämmerlings, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.09