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Die Arbeiterin auf dem Eis

 

Illusion vom Schlüsselbein

von Jan Volker Röhnert

Thomas Kunst schreibt laszive Sonette.

Obwohl er seit den 90er Jahren als feste Größe in der deutschen Lyrikszene gilt, ist er alles andere als mit öffentlicher Aufmerksamkeit verwöhnt. Die letzte nennenswerte Auszeichnung für den 1965 in Stralsund geboren Thomas Kunst, war der F.-C.-Weiskopf-Preis der Berliner Akademie der Künste im Jahr 2004. Auch Feridun Zaimoglu, der die Gedichte seines Leipziger Kollegen empfiehlt, wo er nur kann, hat da bisher wenig ausgerichtet.

Kunst, seit 1987 als Lesesaalaufseher in der Deutschen Bücherei tätig, ist ein Dichter der Superlative, ein Poet im empathischen Sinne, der das, was er schreibt, auch lebt – und ein Könner, was Versbau, Dramaturgie und Bildsprache betrifft.

1991 debütierte er bei Reclam mit dem unvergesslichen Titel „Besorg noch für das Segel die Chaussee“.

Einen Schwerpunkt seines nunmehr achten großen Gedichtbandes bilden drei rauschhafte Sonettenkränze, die die alte Gattung zu ihren Urgründen zurückführen und sie zugleich mit dem Stempel lasziver Gegenwärtigkeit versehen. Durch die Zeilen geistert Liebe und Erotik in extravaganten Bildern. Nur die strengen Formgesetze des Sonetts und ein hintergründiger Geschichtenfaden halten die offene Passion im Zaum. Dazwischen gibt es raffinierte langzeilige Erzählgedichte vom vereisten oder sonnig gleißenden Ostseeufer, die in dramatischer Verdichtung auch auf jenes weibliche Körperteil anspielen, in dem nicht nur Gustave Courbet den Ursprung der Welt erkannte. Und es gibt fingierte autobiographische Briefe an den Freund Feri-San, in denen Kunst klarstellt, dass er nie einer von jenen wendeschmerzbeladenen Ostlern sein wird, wie sie sich das Feuilleton so gerne zusammenbastelt.

Kunst, über den man auf seiner Website www.thomaskunst.de mehr erfährt, geht aufs Ganze. Dafür sollte man ihn lesen, den sich durchs Leben wie ein Rock’n’Roll tanzender Petrarca schlagenden Vollblutpoeten: „Wir nehmen Hafis, Rumi, reine Drogen / Ich greife dir ins Haar, in medias res / Dein Hausanzug der Serie Sparkling Lace / Ist über deiner Schulter aufgebogen // Die Fasern sind UV-beständig, gehen / Aus jeder Dehnung in exakt die alte / Betonungsform zurück und ich behalte / Den einen Knopf am Hals fast aus Versehen // Zu lange in der Hand, dein Schlüsselbein / Die Illusion vom Schlüsselbein entlässt / Mich einen Augenblick aus deinem Wahn // Mit Öl und Salzwasser allein zu sein / Ich halte mich an deinem Kopftuch fest / Den Steinen sieht man das, was zählt, nicht an“. So rasant beginnt eine Fahrt durch die Hebungen und Senkungen eines imaginären Persiens – das Ganze auf der Spur eines unwiderstehlichen weiblichen Fersenpaars. Jan Volker Röhnert

Tagesspiegel vom 11.08.2013, Kultur