Thomas Kunst

Schriftsteller

Lutz Seiler empfiehlt Thomas Kunsts “Die Arbeiterin auf dem Eis”

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Herausgekramt aus dem Jahr 2014 (DIE ZEIT 49/2014)

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Dorf und All

DU WARST ZULETZT UM DREI UHR VIERZEHN ONLINE,

Zu einer Zeit, in der selbst Schiffe knien.
Die Hafenbecken gaben sich den Anschein,
Im Mindestmaß Container durchzuziehen.

Container sind in Wahrheit Halbwahrheiten.
Wir lassen Serien zu und nehmen Drinks,
Erraten seelische Befindlichkeiten
Anhand von einer Reihe youtube links.

Kontakt zwischen Gelenken geht verloren –
Beim Werfen eines Steins an ein Metall.
Ich habe mir die Schulter ausgekugelt.

Du warst noch wach und dazu auserkoren,
Zu unterscheiden zwischen Dorf und All.
Vor meinem Tod hab ich mich selbst gegoogelt.

„Du läßt uns glänzen“

Feridun Zaimoglu schreibt an den Dichter Thomas Kunst

Die Zeit, 22.September 2016

Lieber Thomas Kunst,

großer Freund, großer Dichter ! Bestie in der west-östlichen Leere! Ich kann berichten: Wir, das sind neunundfünfzig Frauen und Männer im Wartesaal des Bürgeramtes in der Kieler Saarbrückenstraße. Wir starren auf das Nummernlos in unserer Hand, wir starren hoch zum Bildschirm in genickknackender Höhe, und wir erkennen, daß wir noch werden lange warten müssen.

Ich habe die Zahl zweihundertachtunddreißig, der Mann in der Sitzschale neben mir hat die Zahl dreihundertsiebzig gezogen. Mir wird übel von den Zahlen. Der Mann ist Türke, ein feiner Herr, er sagt: „Was gäbe ich nicht für einen Rückenkratzer!“ Er fragt: „Das sind vergeudete Stunden, meinen Sie nicht auch?“ Wir dämmern, wir brüten, wir grübeln über unsere lässlichen Sünden. Der Kleinmut bringt uns um. Sind wir schon verdorben, oder warten wir auf die Verderbung…? Was brauchen die neunundfünfzig Frauen und Männer in dieser Stunde, da sie die benötigten Dokumente und Nummernlose nass schwitzen? Sie brauchen deine Gedichtbände!

Sie können einen Band blind aufschlagen und die aufscheinende Zeile lesen, und sie würden sofort erkennen: Hier habe ich es nicht mit einem tagesberühmten Lyrikkarnickel zu tun. Hier will mich kein Lit.-Wiss.-Wiesel mit seinem Abschluss beeindrucken. Hier lese ich Vernarrtheit und Brausen, Glut und Schwermut – kein einziger Vers trügt und täuscht…Ich erzähle davon dem feinen türkischen Mann, der sich nach meinen Worten in der Sitzschale aufrichtet. Er ruft: „Der besagte Dichte müsste uns hier und jetzt seine Poeme vorlesen, was gäbe das für eine herrliche Erhebung! Er würde die Dame am Empfangstresen beeindrucken und aber auch die Damen und Herren Sachbearbeiter im Saal hinter der pneumatischen Tür. Ich würde ihm mein armseliges Jackett auf die Schultern legen. Du, mein Sohn, hieltest dich bereit mit einem Glas wohltemperierten Wassers, wir würden aber auch als Leibgarde dienen können. Wir schützen ihn gegen die anbrandenden studierten Barbaren, die bestimmt versuchen würden, ihm die Blätter aus der Hand zu reißen…“ Der feine Mann bekommt Glanz in den Augen, die Müdigkeit ist vergessen, er strahlt, eine kleine Sensation im Wartesaal des Bürgeramts. Das hast du, großer Dichter, mit deinen Versen bewirkt, ich wollte es dir unbedingt berichten. Wir glänzen. Danke.

Dein Feridun

Kolonien und Manschettenknöpfe

Ein Gedichtband wie ein Streifzug durch einen Luna-Park: Wir treffen einen Wikinger an der 54. Straße, versuchen, aufblasbare Münzen durch die ihnen zugewiesenen Löcher zu quetschen, besteigen Barthelmes Ballon in der Nähe des Central Park, fliegen in einer Disziplin unserer Wahl zu den inoffiziellen Weltmeisterschaften nach Milwaukee, behalten einen Kaugummi während eines Kreditgesprächs im Mund. Alles in allem sind wir in diesen Gedichten keine Freunde von mittelmäßiger Gesellschaft. Eine letzte Arche Noah sticht in See, mit Walen, Salamandern und Ratten, wenn nur genügend Gewässer rund um den Ararat zusammengefunden haben.

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